International Taikai
All Nippon Kyudo Federation


(Von Peter Hammerschick, erstmals erschienen im Bogensportjournal Nr. 2 / 2002)

Im Jahr 1999 folgte ich das dritte Mal einer Einladung der ANKF (All Nippon Kyudo Federation) zum internationalen Taikai (Wettbewerb) in Miyakonojo auf
Kyushu, der südlichsten der vier Hauptinseln Japans. Bereits einige Jahre vorher, nämlich 1992 und 1995, wurde dieser Wettbewerb ausgetragen. Die
gesamte Veranstaltung dauert sechs Tage und gliedert sich in einen Drei-Tage-Lehrgang, zwei Tage Wettkampf und an einem Tag wird die Dan-Prüfung (Dan = Meistergrad) abgenommen. Ein zusätzlicher Anreiz war, dass die ANKF gemeinsam mit der Stadt Miyakonojo für diesen Zeitraum die Unterbringungskosten für die ausländischen Teilnehmer übernahm. Die Organisation und das angebotene Rahmenprogramm waren typisch japanisch; also perfekt.

Gleich nach meiner Ankunft am Sonntag nahm ich die die Gelegenheit beim Schopf und besuchte gleich „meinen" KyudoZubehörshop, einer von zwölf in der
Stadt. Ich wollte in entspannter Atmosphäre in der „Schatzkammer" für Kyudoka kramen. Von entspannt konnte aber nicht die Rede sein. Die gleiche
Idee hatten auch andere Schützen. Der kleine Laden war gerammelt voll; und das am Sonntag gegen 20.00 Uhr Ortszeit. Der Ladenbesitzer, ein angesehener
Bogenbauer der Stadt, machte das Geschäft seines Lebens. Er erkannte mich sofort wieder, da ich ihm 1992 einen selbstgebauten, voll funktionsfähigen
Minibambusbogen vorführte, und die Begeisterung der Japaner für Miniaturen ist grenzenlos. Rund 80 Prozent der in Japan erzeugten Bambusbögen kommen von Kyushu.

Kyushu hat subtropisches Klima, hohe uftfeuchtigkeit, üppige Vegetation und liegt geografisch auf der Höhe von Israel. Hier wächst der beste Bambus zur
Herstellung von Bögen und Pfeilen. Außerdem ist Kyushu berühmt für seine zahlreichen heißen Quellen; eine wahre Wohltat für Körper und Geist.
 

Montag früh war offizielle Begrüßung durch den Bürgermeister und den Präsidenten der ANKF, Sensei (Anrede für Meister) Kamogawa; natürlich auf
Japanisch. Sensei ist Meister seines Faches und trägt den 10. Dan.

Als Dolmetsch fungierte Liam O'Brien, Präsident des englischen Kyudo-Verbandes und Inhaber des 7. Dan Kyoshi. Er ist damit Träger der höchste Dangraduierung ausserhalb Japans. Rund 180 Teilnehmer aus 13 Nationen waren gekommen. Indien und Österreich waren jeweils nur durch einen
Teilnehmer vertreten.

In der Sporthalle waren nicht weniger als fünf Tachis (Tachi = Gruppe aus fünf Matos, Mato = Zielscheibe) nebeneinander aufgestellt. Die Entfernung
von Mato zu Mato betrug rund 1,8 Meter. Die Teilnehmer wurden in Gruppen nach Dan-Graduierung eingeteilt und jede Gruppe wurde von zwei Senseis
betreut. Kein Sensei hatte eine niedrigere Graduierung als den 8. Dan. Beim Lehrgang wurde auf das Taihai (Zeremonie) überraschend wenig Wert gelegt, dafür wurde sehr viel an der Schießtechnik gefeilt. Das zur Freude aller Teilnehmer, die sich eigentlich auf diese physisch anstrengende Übung des zeremoniellen Gehens und Kniens vorbereitet hatten. Dazu trug das schöne Wetter mit milden Temperaturen zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Im Jahre 1995 hatte man weniger Glück. Damals regnete es fast immer und die Temperatur war im Keller, was bei der hohen Luftfeuchtigkeit ziemlich in die
Knochen ging. Die drei Tage des Lehrgangs vergingen wie im Flug und es wurde allen Teilnehmern von den Senseis gute Arbeit bescheinigt.Als Ehrengäste waren die regierenden Meister der Mongolei mit ihren Reflexbögen eingeladen. Auf einem neben der Sporthalle liegenden Platz konnten sie ihre Treffsicherheit auf 60 Meter unter Beweis stellen. Auch durften die Teilnehmer einmal so einem Bogen probieren. Dabei bemerkte ich, dass fast alle die Kyudo-Technik anzuwenden versuchten. Bei den Reflexbögen wird zwar auch die Sehne mit dem Daumen gezogen und der Pfeil liegt auf der
rechten Bogenseite, aber aufgrund des großen Kraftaufwands der notwendig ist, einen Reflexbogen zu spannen, ist für diese die Kyudo-Technik ungeeignet.

Es kamen die Wettkampf-Tage (Takai), an denen auch die nationale japanische Meisterschaft ausgetragen wird. Auf einen Schlag tummelten sich mehr als 2.000 japanische Bogenschützen in der Halle, die an den vorhergegangenen Tagen bis auf die ausländischen Teilnehmer und die Organisatoren fast leer war.

Das Taikai für die ausländischen Teilnehmer wurde separat ausgetragen. Es wurden zwei Durchgänge zu je vier Pfeilen geschossen. Die Teilnehmer mit der höchsten Trefferquote kamen ins Stechen, was bei einem Nichttreffer das Aus bedeutete. Männer und Frauen wurden getrennt gewertet.

Nach Beendigung des Wettbewerbs gab es dann noch von Bushis (Kriegern) in voller traditioneller Rüstung eine beeindruckende Vorführung. Sie zeigten,
wie damals mit Pfeil und Bogen eine gegnerische Stellung ausgehoben wurde. Jeder Krieger schoss 40 Pfeile, erst im Knien, dann im Vorrücken ab. Wenn alle Pfeile verschossen waren, wurde der Bogen im Nahkampf als Lanze benutzt.

Am letzten Tag nahmen fast alle Teilnehmer die Gelegenheit wahr, eine Dan-Prüfung abzulegen. Alle waren begeistert von der Freundlichkeit, Höflichkeit und Fürsorge, mit der die ausländischen Teilnehmer verwöhnt wurden. Fast alle wollen beim nächsten Mal wieder dabei sein.