Ein Zusammentreffen von Kyudo und den anderen Arten des traditionellen Bogenschießens hat es in Europa noch nicht gegeben. Daher haben wir beschlossen, hier Pionierarbeit zu leisten. Der Interarc Wettbewerb in Wien, am 15. November 2003, war die erste Veranstaltung dieser Art.

Die Regeln sind vom Standard Kyudo-Reglement entlehnt worden. Es gab 5 Durchgänge zu 4 Pfeilen (also insgesamt 20 Pfeile) und 5 Minuten Zeitlimit je Durchgang. Die Ziele waren Sternmatos mit 36 cm Durchmesser auf einer Entfernung von 28 Meter. Die einzige Abweichung von den Kyudo-Regeln war, dass ein von der Sehne heruntergefallener Pfeil nur dann als geschossen galt, wenn er vom Schützen nicht mehr erreicht werden konnte ohne die Schießlinie zu verlassen. Und natürlich war die Kyudo-typische Etikette, wie das Verbeugen vor dem Ziel etc., nicht vorgeschrieben.

Beim Treffergleichstand unter den ersten 5 Plätzen sollte das endgültige Ergebnis durch Stechen ermittelt werden.

8 Vereine/Gruppierungen sind unserem Ruf gefolgt, und sind mit einem oder mehreren Vertreter erschienen. 11 Kyudoka von 3 Vereinen, davon einer Shômen, der Rest Heki Tô Ryû, 5 Wiener Schüler des Ungarn Lajos Kassai, des weiteren 7 „Freestyle“-Schützen, die ebenfalls mit Reiterbögen gekommen sind, ein Langbogenschütze (mit einem echten englischen Langbogen) sowie eine „Flatbow“-Schützin, also insgesamt 25 Bewerber, darunter 3 Damen, sind zum Wettkampf um 14 Uhr angetreten.

Aber bevor es soweit war, haben wir am Vormittag noch frei üben können. Denn für die angereisten Schützen, die mit Kyudo bis jetzt noch nicht in Kontakt gekommen sind, waren die Entfernung und die tiefliegenden Ziele ziemlich ungewohnt. Und wir wollten diese stressfreie Zeit auch zum Smalltalk und zum Knüpfen von Bekanntschaften nützen. Schließlich konnte man auch ein Bild von der Konkurrenz im Voraus bekommen.

Jedoch war dieses Bild trügerisch. Einige Favoriten vom freien Schießen am Vormittag haben dem Wettbewerbsdruck nicht standhalten können (so auch der Verfasser dieser Zeilen), egal von welcher Bogenschieß-Schule sie kamen.

Es war faszinierend, die unterschiedlichsten Philosophien des traditionellen Bogenschießens zusammen anzusehen. Die langsamsten waren die Kyudoka, manche von ihnen haben die zur Verfügung stehenden 5 Minuten für 4 Pfeile voll ausgeschöpft. Am schnellsten schossen die Kassai-Schüler: meist schossen sie alle 4 Pfeile ab bevor die anderen den ersten angesetzt hatten.

Es ist Schade, dass keiner mit echtem Hornbogen und Daumenring mitgemacht hat. Man muss jedoch wissen, dass es nur eine Handvoll Leute in Österreich gibt, die wissen wie man damit umgeht.

Der Wettbewerb begann um 14 Uhr. Peter Hammerschick aus Linz, seines Zeichens Obmann des Linzer „Stahlstadt-Dojo“ und mehrmaliger österreichischer Meister, hat souverän in allen Durchgängen die Führung behalten und ist mit 13 Treffern erster geworden. Peter schießt seit 13 Jahren den Yumi, die lange Erfahrung war an der sicheren Schießtechnik und dem kraftvollen Pfeilflug nicht zu übersehen.

Die Flatbow-Schützin Urte Paulus, vom Verein Arcus, hat die Silbermedaille mit 11 Treffern sichern können. Sie ist im 3D (Jagdbogenschießen auf Kunststofftiere) beheimatet. Sie schießt erst seit 3 Jahren, aber mit einer eindrucksvoller Eleganz. Ich bin mir sicher, dass man noch von ihr hören wird.

Bronze hat Branko Itoi-Kecojevic, Mitglied unseres Vereines Momiji Kai, mit 9 Treffern geholt. Er war auch der Zweitplatzierte der Österreichischen Kyudo-Meisterschaft im Juni 2003. Branko hat zwar erst vor einem Jahr angefangen, aber hat in dieser kurzen Zeit eine beachtenswerte Entwicklung gemacht. Nur weiter so!

4. wurde Hans-Peter Müller, vom BSV Schönbrunn, mit 8 Treffern. Er trat mit einem Reiterbogen an.

Platz 5 wurde unter 4 Schützen mit jeweils 7 Treffern durch Stechen ausgefochten. Dafür traten Christian Ofenbauer, ein Shômen-Schütze vom Verein Seishin, Peter Bartu, ein junger Kassai-Schüler, Martin Berghold, früherer Obmann unseres Vereines Momiji Kai, und der jetzige Obmann Franz Rendl an. Peter setzte in bester Kassai-Manier gleich 2 Treffer ins Mato, bevor die anderen überhaupt den Bogen heben konnten. Christian ließ sich aber nicht demoralisieren, und traf auch mit seinem letzten, alles entscheidendem Pfeil, nachdem er schon 2 Treffer erzielt hatte. Einen stürmischen Applaus hat er für diesen bravourösen Schuss geerntet, womit er den 5. Platz geholt hat. Platz 6 müssen sich Martin und Peter teilen, beide hatten je 2 Treffern im Stechen, und Franz wurde 8., mit einem Treffer.

9. wurde Michael Hiller, Mitglied von Momiji Kai, und der Hauptverantwortliche für die Organisation dieses gutgelungenen Wettbewerbs. Den 10. Platz hat Friedrich Braun, ein Reiterbogenschütze vom Verein Union Wien, belegt.

Über die restlichen Teilnehmer kann ich hoffentlich als die Bestplatzierten am Interarc 2004 in einem Jahr berichten!

Robert Ruszthy


 
Die Reihenfolge wird ausgelost durch Ziehen der Pfeile

 
Die erste Gruppe bereitet sich vor...

 
... und Action!

 
Die erste Serie von Pfeilen

 
Die zweite Gruppe von Schützen bemüht sich

 
Franz und Flo von der dritten Gruppe

 
Die vierte Gruppe

 
Während andere gespannt zuschauen...

 
...oder sich eine Rauchpause genehmigen...

 
...bereitet sich die nächste Runde vor

 
Und wieder die erste Runde

 
Die zwei Bestplatzierten, Peter und Urte

 
Christian und Peter...

 
...gleich nach dem Abschuss

 
In der zweiten Gruppe dominierten die Reiterbogen-Schützen

 
Und in Nr. 4 schoß der jüngste Teilnehmer des Interarc-Wettbewerbs

 
Im Vordergrund der Drittplatzierte, Branko

 
Das Stechen

 
Margit, die Schiedsrichterin rechnet die Ergebnisse zusammen

 
Der 5. Platz geht an Christian

 
Ute ist glücklich mit Silber

 
Peter ist erster geworden...

 
...und ist sehr stolz auf seine Goldmedaille, besser gesagt, Gold-Anstecker

 
Gruppenfoto der Sieger, v.l.n.r.: 4. Hans-Peter, 3. Branko, 1. Peter, 2. Urte, 5. Christian

 
Und die besten Drei. Die Ansteck-Medaillen sind etwas besser sichtbar
  Fotos:
  Viktoria Schurmann (VS)
  Branko Itoi-Kecojevic (Momiji Kai)
  Franz Rendl (Momiji Kai)



Traditionelles Bogenschießen – aus dem Blickwinkel eines Kyudoka
 

Der Interarc Wettbewerb bot eine tolle Möglichkeit, die verschiedensten Fraktionen des traditionellen Bogenschießens unter die Lupe zu nehmen. Es wäre anzunehmen, dass diese Fraktionen alte Traditionen weiterführen, jedoch ist dies selten der Fall. Manche dieser Traditionen sind sogar jünger als der Compound-Bogen. Worauf man sich jedoch einigen könnte ist, dass diese Gruppierungen den modernen Sportbogen bzw. Compound nicht als das Gerät ansehen, womit die Freude und die Tiefe des Bogenschießens völlig erfahren werden kann.
 
Wie weit zu den Waffen des Mittelalters und des Altertums zurückgegriffen wird und wo Kompromisse eingegangen werden, hängt eng mit der Philosophie und Praxis der jeweiligen Gruppierung zusammen. Denn ein Eibenbogen, ein echter Hornbogen oder ein Bambus-Yumi kann sehr viel kosten. Holz- und Bambuspfeile brechen viel schneller als Alu- oder Carbon-Schäfte. Hier möchte ich die Gelegenheit nutzen, etwas über die verschiedenen Gruppierungen des traditionellen Bogenschießens und das verwendete Gerät zu berichten.
 
Kyudo erhebt den Anspruch, eine jahrhundertelange Tradition ununterbrochen weiterzuführen. Doch das heutige Kyudo unterscheidet sich in vieler Hinsicht von der Schießweise der Samurai des Mittelalters. Denn damals war es unerlässlich, einen schweren Bogen in großer Geschwindigkeit schießen zu können. Dazu sind heute nur ganz wenige Kyudoka imstande. Diese Art des schnellen „Kriegschießens“ wird nunmehr in wenigen Schulen sehr fortgeschrittenen Schülern unterrichtet.
 
Das heutige Kyudo beinhaltet wesentlich mehr Elemente des rituellen Schießens, das seine Ursprünge aus rituellen Zeremonien in China, Korea und Japan schöpft. Beim Zielschießen ist es auch nicht notwendig, einen schweren Bogen bedienen zu können, oder besonders schnell zu schießen. Um den Aufbau des Schusses völlig korrekt auszuführen, ist eine langsame Vorgehensweise empfohlen. Daher brauchen Kyudoka idR doppelt so viel Zeit für einen Schuss als etwa ein Sportbogenschütze.
 
Das Gerät ist in der Edo-Zeit (1603-1867) zur Vollkommenheit gereift. Die Bögen in der davor liegender Zeit waren jedoch in deren wichtigsten Eigenschaften mit dem heutigen Yumi identisch. Aus finanziellen Gründen werden auch Yumis aus modernen Laminaten, bzw. Pfeile aus Alu oder Carbon verwendet.
 
Nicht nur der Yumi, sondern auch die Reflexbögen der verschiedenen Reitervölker scheinen auf viele eine Faszination auszuüben. Obwohl die Mongolen und die Koreaner eine ungebrochene Tradition im Bau dieser Bogentypen aufweisen, haben verschiedene ungarische Hersteller in den letzten 12-13 Jahren den Weltmarkt erobert. Viele bieten von Magyar-, Hun-, Avar-, Mongolen-, Skythen- etc. Bögen eine breite Palette für jeden Geschmack an. Der überwiegende Teil der verkauften Bögen sind jedoch moderne Laminate, und keine echte Horn-Holz-Sehne-Konstruktionen.
 
Der erste, der angefangen hat diese Bögen in größerer Anzahl zu produzieren, sowie die Kunst des berittenen Bogenschießens wieder zu beleben (oder besser gesagt: neu zu erfinden), ist Lajos Kassai aus Ungarn. Seine Art der Ausbildung fußt auf einem sehr spirituellen, sogar schamanistischen Ansatz, gepaart mit einem physisch anstrengenden Training. Ultimatives Ziel ist es, vom galoppierenden Pferd unter einer bestimmten Zeit auf einer gegebenen Strecke möglichst viele Pfeile ins Ziel zu schießen.
 
Um dieser Zielsetzung gerecht zu werden, hat er sich einen eigenen Stil ausgearbeitet. Er hält ein Bündel Pfeile in der Bogenhand, um nach jedem Schuss möglichst schnell einnocken zu können. Er verwendet den mediterranen Sehnengriff, und er zieht nicht zum Gesicht, sondern zur Brust. Der Auszug ist so lang wie heute gefertigte Standardschäfte es erlauben: 32 Zoll, oder ca. 80 cm.
 
Ich habe keinen Hinweis dafür gefunden, dass dieser Schießstil von irgendeinem Reitervolk seit den Skythen angewandt wurde. Die Konstruktionsweise des Köchers der Reitervölker vor rund 1000 Jahren, sowie in Fragmenten erhaltene Abbildungen weisen darauf hin, dass zu jener Zeit die Pfeile einzeln aus dem Köcher entnommen wurden, der Pfeil rechts zum Bogenholz angelegt und die Sehne mit dem Daumen gezogen wurde.
 
Jedoch muss man auch gleich sagen, dass Kassai’s Stil gut funktioniert. Es ist sehr wohl möglich, dass Kassai mit seinem Stil vor 1000 Jahren Anerkennung gefunden hätte. Er ist der Weltrekordhalter beim Schnellschießen; in einem Durchgang (besser gesagt: Durchritt) von 16 Sekunden schießt er 11 Pfeile – das sind 1,5 Sekunden je Pfeil! Die besten Yabusame-Schützen brauchen etwa die dreifache Zeit pro Abschuss.
 
Die Genauigkeit ist bei guten Kassai-Schützen auch hinreichend, vor allem wenn man bedenkt, dass sie keinen Anker verwenden.
 
Über die von Kassai hergestellten Bögen lässt sich das selbe sagen wie über sein Schießen: sie sind eher Phantasieprodukte als genaue Nachbildungen historischer Waffen, aber einige von ihnen haben ein gutes Schussverhalten. Einzig der unergonomische Griff hat mich gestört, er ist an allen seinen Modellen etwas zu schmal, zu tief, und die Griffrückseite ist konkav ausgebildet, sodass die Finger unangenehm zusammengepresst werden. Echte Hornbögen haben immer einen konvexen Griff aufgewiesen, und das wohl nicht ohne Grund.
 
Es waren beim Interarc je ein Bogen von István Tóth und Csaba Grózer vertreten. Zumindest für die hier gesehene Modelle gilt das zu den Kassai-Bögen gesagte. Wenn jemand exakte Reflexbogen-Nachbildungen sucht, kann ich Grózer jedoch empfehlen: seine Krimtatar-, Türken- oder Indopersien-Modelle sind sehr gut gelungen.
 
Viele Schützen, die kein berittenes Bogenschießen praktizieren, legen sich einen Reflexbogen aus Ungarn zu. Die Meisten wenden die Schießweise mit dem Langbogen an, d.h. Auszug bis zum Gesicht (damit auch wesentlich kürzer als bei Kassai), und legen es nicht besonders darauf an, möglichst schnell zu schießen. Da wenig feste Vorgaben des Schießens existieren, nennen sie ihren Stil "Freestyle".
 
Schließlich sollen wir die stetig wachsende Gemeinde der Langbogen-Schützen erwähnen. Der aus einem Ast oder Baumstamm geschnitzter, mannsgroßer Bogen ist in West-Europa seit mindestens 5000 Jahren verbreitet. Zur Perfektion ist diese Waffe in England im 14. Jh. gereift. Der harte Kern der Langbogen-Gemeinde schwört weiterhin auf diese Bauart.
 
Da jedoch das Material, nämlich die Eibe, für den Bogenbau immer unerschwinglicher wird, sind seit den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts in den USA abgeänderte Formen aus anderen Holzarten ausprobiert und in großer Anzahl produziert worden. Um etwa den Handschock auszumerzen, wurde der Griff so verstärkt, dass dort der Bogen nicht mehr arbeitet. Häufig wird eine Kerbe als Pfeilauflage in den Griff eingearbeitet. Und der rundliche Bogenquerschnitt des alten englischen Langbogen wurde in ein flaches Profil umgewandelt, das besser zu anderen Holzarten passt und sich leichter als Laminat herstellen lässt. Das Produkt nennt sich dann Flatbow und wird sehr ähnlich geschossen wie der alte Eibenlangbogen.
 
Somit hoffe ich, dass ich einen Einblick ins breite Feld der in Europa anzutreffenden Arten des traditionellen Bogenschießens geben konnte. Für weitere Anregungen sind wir natürlich dankbar, Eure Kommentare sind uns immer willkommen.

Robert Ruszthy