Fragt man heutzutage einen Kyudoschützen, wann Kyudo erstmals in der deutschsprachigen Literatur beschrieben worden ist, so wird die prompte Antwort wahrscheinlich lauten "1948, Zen in der Kunst des Bogenschiessens, von Eugen Herrigel." Ein Werk, daß bis heute sowohl populär, als auch umstritten ist.

Da dieses Werk vielerorts bereits zur Genüge abgehandelt wurde und wird (Der Suchbegriff "Eugen Herrigel" bringt es in einer Suchmaschine zu ungefähr 278 deutschsprachigen Seiten), wollen wir uns hier einem weitaus unbekannteren und um 11 Jahre früher erschienenem Buch zuwenden. Auch wenn Kyudo darin nur eines von vielen kleinen Kapiteln gewidmet ist:

"Japans Sport in Bild und Wort" von Arthur E. Grix, erschienen im Wilhelm Limpert Verlag 1937

In diesem Buch macht der Autor einen Querschnitt durch die sportlichen Leistungen im Japan seiner Zeit. Wobei er mit den altjapanischen Sportarten anfängt, mit den modernen Sportarten fortsetzt (also olympische Disziplinen, Fußball, Basketball usw) und es mit Drachensteigen und Go spielen ausklingen läßt.

Bei den altjapanischen Sportarten macht Arthur Grix einen Einstieg über die Laufleistungen von Salzarbeitern und Bootsmännern, setzt mit den inzwischen bekannten Disziplinen Sumo, Kendo, Judo und eben Kyudo fort, und endet mit dem bis heute hier unbekannten Samuraischwimmen, bei dem es nicht um Schwimmschnelligkeit geht, sondern mehr um die Kunstfertigkeit beim Schwimmen etwas über Wasser zu halten - Ob nun ein Gewehr, dessen Pulverladung nicht naß werden darf, oder eine 8 Meter hohe Fahne, oder einfach nur ein Papierfächer zwischen den Zehen.
 

Im Kyudo-Kapitel schreibt Grix:

"Das altjapanische Bogenschießen (Kyudo Kyujutsu)

Die von 1300 Schülern besuchte 6. Mittelschule im Shinjuku Stadtbezirk von Tokio gibt ein gutes Beispiel von der Art, wie das altjapanische Bogenschießen innerhalb des Schulplanes ausgeführt wird. Der Schießstand dieser Schule ist 27 Meter lang [sic!]. Geschossen wird von einer leicht erhöhten, überdachten Bühne. Die Bögen sind 2,21 Meter hoch, die Pfeile 80 Zentimeter lang. Die Zielscheiben, Papiertrommeln von 40 Zentimeter Durchmesser [sic!], sind am Ende des Standes vermittels eines angebrachten Stockes in einen Sandwall gesteckt. Die Ausführung der Übung, wie sie der Fachmann Rikizu Suto lehrt, geschieht folgendermaßen: Der Lehrer betritt mit seinen Schülern die Bühne. Sie verbeugen sich zweimal ehrerbietig gegen einen Hausaltar, klatschen dann zweimal in die Hände und verbeugen sich noch einmal. Dann treten je zwei auf eine Matte, die im Vordergrund liegt, und verbeugen sich gegen die Zielscheibe. Nun folgt: Niederknien, Berühren des Bodens mit einer Hand, in der sich zwei Pfeile befinden, seitliche Drehung nach links, Anheben des Bogens, nach hinten blicken, einen Pfeil auf die Sehne legen, den anderen im rechten Winkel
dazu, den einen Pfeil in Schußrichtung, den anderen entgegengesetzt bringen, den Blick auf die Zielscheibe richten, aufstehen, den Bogen schräghalten, einen Pfeil wie ein Gewehr über die Schulter legen, Bogen anheben, Sehne spannen, wobei der nichtbenutzte Pfeil in der ziehenden Hand verbleibt, letztes Anspannen, Abschnellen. Nach dem Abschießen einen Moment regungslos stehenbleiben, den Zugarm nach hinten gestreckt halten, rühren, Verbeugung der Zielscheibe zu, abtreten. - Auf diese Weise wird das edle Bogenschießen als Mittel zur geistigen Disziplinierung betrieben, einzeln und klassenweise. Auch in den Mädchenschulen wird es fleißig geübt, oftmals in Klassengruppen, die an angreifende Amazonenscharen erinnern. Das Bogenschießen war von jeher mit einem Kult verbunden. Die ersten Übungsstätten befanden sich in Tempeln, von denen der berühmteste der Tempel der 33 Ken zu Kyoto ist. (Ein Ken = 1,81 Meter. [!"Ken" bedeutet einfach "Nische"]) Hier wird allerdings das Bogenschießen, das von Priestern und Würdenträgern in historischen Kostümen ausgeführt wird, zur reinen Zeremonie, wobei die Pfeile gewöhnlich in hochgelagerte Bündel von Reisstroh, die mit dem Papierschmuck der Shintoschreine behangen sind, abgeschossen werden. Mitunter werden dabei nicht einmal Pfeile benutzt. Am ersten Geburtstag des ältesten Kaisersohnes ruft ein Priester in feierlichem Ornat auf einem Bogen durch Zupfen harfenartige Töne hervor, während ein anderer aus einer alten Schriftrolle chinesische Klassiker vorliest."






(Genaueres Studium des Bildes von der
Mädchenschule läßt vermuten, daß
diese Szene für das Foto extra gestellt
worden ist.)



Abschließend möchte ich an dieser Stelle meinem Großvater Ing. Richard Gemel großen Dank aussprechen. Er hat sich dieses Buch während des Krieges als einfacher Soldat geleistet, und es mir heute - Jahrzehnte später - überlassen, wo es eine kleine aber feine Kuriosität darstellt.

Simon Gemel, November 2002