FAQs:

» Was sind die Unterschiede zwischen Sportbogenschießen und Kyudo?

» Worauf schießt man, und von welcher Entfernung? Wie lange dauert es für einen Anfänger, bis er auf die volle Distanz schießen darf?


» Gibt es Dan-Graduierungen, und wie wichtig sind sie?

» Warum ist der japanische Bogen so lang und asymmetrisch? Was ist der Vorteil davon?

»Seit wann gibt es den japanischen Bogen?

» Woraus sind Bogen und Pfeile hergestellt?


» Wie weit kann man mit dem japanischen Bogen schießen?


» Was sind die fünf Schießarten?


» Ab welchem Alter kann oder soll man Kyudo beginnen? Gibt es ein Höchstalter?


» Ich bin physisch eher schwach - kann ich trotzdem Kyudo machen?

» Kann ein Linkshänder Kyudo betreiben?


» Bei den meisten ist das rechte Auge dominant. Was tun, wenn nun das linke Auge dominant ist?

» Wie oft muss ich üben, dass ich gut werde?

» Ist jeder fürs Kyudo geeignet?

» Ist Kyudo gleich "Zen-Bogenschießen"? Was hat's mit der Verbindung zwischen Kyudo und Zen?


» Ist es mir hilfreich, wenn ich vorher andere Sportarten praktiziert habe?


» Ist es mir hilfreich, wenn ich viel meditiere?


» Wie viele Leute praktizieren Kyudo in Österreich, wie viele weltweit?


» Ich wohne weit weg von Wien - ich kann nur selten zum Training kommen. Ist es möglich alleine Kyudo anzueignen?


» Ist es möglich zum Verein zurückzukehren, wenn ich eine längere Pause eingelegt habe?


» Was für andere Stilrichtungen werden heute noch praktiziert?


» Was für andere Vereine gibt es in Wien, und in Österreich?


» Wie wichtig sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Kyudo-Schulen? Können diese Leute gemeinsam schießen?


» Woher soll ich wissen, welche Stilrichtung mir am besten passt? Ist ein Wechsel später möglich?


» Was für Verbände gibt es weltweit, und wie sind sie integriert?

» Was bedeutet "Momiji"?

» Was ist ein "Dojo"?

» Ich habe noch eine Frage die hier nicht behandelt wird



— Was sind die Unterschiede zwischen Sportbogenschießen und Kyudo?


Die Antwort darauf ist deshalb nicht ganz einfach, weil weder Sportbogenschießen noch Kyudo homogene Gebilde sind. Die wesentlichen Unterschiede liegen in der Schießtechnik, dem verwendetem Gerät und in der Mentalität.


Beim Sportbogenschießen wird die Diskussion in erster Linie darüber geführt, welcher Bogentyp noch als "echter" Bogen zu betrachten ist (Langbogen vs. Blankbogen vs. Recurve vs. Compound) und auf welche Ziele man schießen soll. Ist Jagd ethisch vertretbar, oder sollen nur Kunststofftiere bzw. FITA-Scheiben verwendet werden? Dementsprechend organisieren sich verschiedene Gruppen, die jedoch alle gemeinsam haben, dass der ernsthafte Schütze jedweder Fraktion den wichtigsten Inhalt seiner Karriere die Leistung bei Wettbewerben betrachtet. Die Schießtechnik ist bei allen Bogenklassen so gut wie gleich, sie stammt von der Schießweise des englischen Langbogens aus dem 13. Jhd. ab. Der Pfeil liegt (vom Schützen aus gesehen) links am Bogenholz, daher wird die linke Körperseite beim Auszug und Abschuss nur passiv verwendet. Es wird "mediterran", d.h. mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger bis zum Gesicht oder Kinn gezogen.

Beim Kyudo dagegen ist das verwendete Gerät der japanische Langbogen (=Yumi) in allen Schulen identisch. Die Entfernungen und Ziele sind ebenfalls überall gleich. Die Diskussionen unter den verschiedenen Richtungen des Kyudo gehen um den geistigen Hintergrund und die Schießtechnik. Jedoch haben alle Schulen gemeinsam, dass sie den asiatischen Daumenauszug (d.h. die Sehne wird lediglich mit dem Daumen gezogen) verwenden, der Auszug ist bei allen Schulen etwa die Hälfte der Körpergröße des Schützen (somit liegt beim vollen Auszug die rechte Hand hinter dem Ohr) und der Pfeil liegt rechts an. Beide Körperteile (links und rechts) arbeiten gleichmäßig. Obwohl Wettbewerbe ein wichtiger Aspekt bei Kyudo sein können (vor allem für Studenten an japanischen Mittelschulen und Universitäten), kaum ein Kyudoka (=Kyudo-Schütze) wird seine Entwicklung rein als die Leistung bei Meisterschaften ansehen. Dafür werden Dan-Graduierungen von vielen als die wichtigsten Meilensteine der eigenen Karriere betrachtet und mit dementsprechenden Eifer verfolgt.


— Worauf schießt man, und von welcher Entfernung? Wie lange dauert es für einen Anfänger, bis er auf die volle Distanz schießen darf?

Der Anfänger schießt zuerst von ca. 2m Entfernung auf das Makiwara (=Reisstrohbündel von ca. 35-45 cm Durchmesser und ca. 1m Tiefe). Wenn der Anfänger die Grundlagen des Schießens beherrscht (dauert etwa 2-5 Monate), kann er es auf ein Ziel in 7-10m Distanz versuchen. Nach einem halben Jahr können die meisten schon auf der Standarddistanz (28m) ihre ersten Gehversuche unternehmen (und somit auch die Pfeile der Fortgeschrittenen holen :-)


— Gibt es Dan-Graduierungen, und wie wichtig sind sie?

Dan-Graduierungen wurden beim Kyudo analog zu den anderen Kampfkunstarten nach dem zweiten Weltkrieg eingeführt. Es gibt Grade zwischen 1 - 10, der 10. wird ohne Prüfung als Ehrengrad verliehen. Die Bedeutung dieser Titel ist innerhalb der Kyudo-Gemeinde umstritten, es lässt sich jedoch sagen, dass es ein guter Test ist, die eigenen Fähigkeiten von einer "Fachjury" prüfen zu lassen. Es ist vor allem eine nervliche Herausforderung. Jedoch hat man häufig den Eindruck, dass für die ersten 2 Dan Grade kaum schiesserisches Können benötigt wird.


— Warum ist der japanische Bogen so lang und asymmetrisch? Was ist der Vorteil davon?



Niemand weiß genau, warum der japanische Langbogen (=Yumi) asymmetrisch ist (ca. 1/3 unter, 2/3 über dem Griff). Es kann höchstens darüber spekuliert werden, was den Erfinder bewogen hat, ihn zu entwickeln.
Bambus und Holz sind zwar kräftig aber nicht so biegsam wie die Horn-Holz-Sehne Laminat der Bögen der Steppenvölker im kontinentalen Ost- und Mittelasien. Daher muss der japanische Bogen 2,2m lang sein, um einen Auszug von 85-90cm zu vertragen ohne zu brechen.
In Japan gab es keine Stiere oder Büffel mit ausreichend langen Hörnern für den asiatischen Compositbogen, und die hohe Luftfeuchtigkeit von 90% oder mehr hätte diese Bögen binnen kürzester Zeit unbrauchbar gemacht. Es standen aber das hervorragende Bambus und einige Holzarten als Baumaterial zur Verfügung.


Die asymmetrische Form ermöglicht es, den Bogen vom Kniestand aus zu schießen (unmöglich mit dem englischen, symmetrischen Langbogen), und auch vom Pferde, der wesentliche Vorteil ist aber, dass der Bogen beim vollen Auszug kippt und besser in die Anatomie der Bogenhand passt. Der lange Auszug ist sehr gut für schwere Kriegs- oder Jagdpfeile, das Geschoss stabilisiert sich sehr schnell und hat bei der richtigen Schießtechnik eine überraschende Durchschlagkraft. Wie an der Universität von Tsukuba demonstriert wurde, eine 2mm Stahlplatte kann mit einem 22kg Bogen (bei Verwendung eines Kriegspfeils) durchbohrt werden.


Der Nachteil liegt im Vergleich mit den asiatischen Hornbögen in der kürzeren Schussdistanz bei sehr leichten Pfeilen (unter ca. 20 Gramm), und im Vergleich mit der mediterranen ("westeuropäischen") Schießweise in der schwieriger erlernbaren Technik (die gleichzeitig die Schönheit und den Reiz des Kyudo ausmachen).

— Seit wann gibt es den japanischen Bogen?

Der Bogentyp scheint plötzlich aufgetaucht und verbreitet worden zu sein, etwa um 3. -1. Jhd. v. Chr. Aus dieser Zeit stammen die ersten Aufzeichnungen über Japan in einem chinesischem Geschichtsbuch, wo Japan als Land der langen, asymmetrischen Holzbögen beschrieben wird. Die Darstellung einer Jagdszene mit asymmetrischem Langbogen auf einer Bronzeglocke stammt ebenfalls aus dieser Zeit.

Der verdrängte Bogentyp war ein aus einem Stück Holz geschnitzter, etwa 1,2m langer symmetrischer Bogen ohne Reflex. Er ist immer noch in der Kultur des Ainu-Volkes in Hokkaido zu finden. Wie die Ainu von den Ur-Japanern nach Norden zurückgedrängt worden sind, so scheint der neue, asymmetrische, etwa 1,8 - 2,1 m lange, aus Trompetenbaumholz geschnitzte Bogen überhand gewonnen zu haben.

Das plötzliche Auftauchen des asymmetrischen Bogentyps lässt vermuten, dass er keine graduelle Verbesserung vorheriger Bogentypen darstellt, sondern die Erfindung eines Bogenmeisters war. Er muss wohl einer der besten Schützen die je gelebt haben gewesen sein.

Bis zum 11. Jhd. kam es zur Vergrößerung des Auszuges, der bis heute beibehalten ist. Das Ziehen mit dem Daumen, in Ostasien vorherrschend, ermöglicht ja einen Auszug weit hinter das Ohr, ohne sich beim Abschuss zu gefährden. Der längere Auszug bedingte eine nochmalige Verlängerung des Bogens auf 2,2m. Mit der Entwicklung haltbarer Klebstoffe und schützender Lacke haben schließlich aus Bambus und Holz laminierte Bögen ab dem 13. Jhd. Verbreitung gefunden. Seit dieser Zeit haben an der Bogenform nur minimale Veränderungen stattgefunden, bloß die Laminate wurden komplizierter.




— Woraus sind Pfeile und Bogen hergestellt?

Traditionell besteht der Bogen (Yumi) aus Laminaten von Bambus- und Holzstreifen, die Pfeile (Ya) werden aus zweijährigem Bambus sowie Federn von Greifvögeln und der Schießhandschuh (Yugake) aus geräuchertem Hirsch- oder Antilopenleder gefertigt. Man muss nicht extra erwähnen, dass die in traditionellem Verfahren hergestellten Geräte in einem hochentwickeltem Land wie Japan, wo Arbeit teuer ist, sehr viel kosten.
Aus diesem Grund sind seit den Mitt-Siebzigern Bögen aus Holz mit Glasfieberbelag, später auch mit Carbonschichten entwickelt worden. Inzwischen werden Laminate aus Bambus und Carbon bzw. Bambus und Glasfieber ebenfalls hergestellt. Die neuen Typen haben den Vorteil gegen Temperatur- und Leuftfeuchtigkeitsschwankungen völlig unempfindlich zu sein, jedoch können sie die Dynamik und das Gefühl des Yumi aus Bambus nicht wiedergeben.
Bambuspfeile werden auch häufig durch billigere Alu- oder Carbonschäfte ersetzt. Man greift bei der Befiederung häufig auf Truthahnfedern aus Amerika zurück. Jedoch können Alu- und Carbonschäfte die beim Abschuss entstehenden Vibrationen nicht so schnell dämpfen, daher fliegen Bambusschäfte ruhiger.
Für den einfacheren Handschuh wird industriell gegerbtes Leder verwendet.

— Wie weit kann man mit dem japanischen Bogen schießen?

Das Weitschießen gehört nicht zu den Stärken des Yumi, die beste aufgezeichnete Schussweite lag bei knapp 440m. Mit dem türkischen Bogen wurde etwa die doppelte Distanz erreicht.
Für das Weitschießen verwendete man Pfeile aus einjährigem Bambus, die so geschliffen wurden, dass sie gegen beide Enden verjüngen. Das Gewicht des Pfeils betrug ca. 16 Gramm, das Zuggewicht des Bogens vermutlich ca. 35kg.
Weitschießen war eine der 5 Schießarten, und wurde als sehr wichtig erachtet, weil der geringste Fehler beim Abschuss am Pfeilflug sofort sichtbar wurde. In der Tokugawa-Periode veranstaltete man jährlich Wettbewerbe auf der 120m langen Veranda des Kyotoer Sanjusangendo-Tempels; die dort verwendete Schießweise lässt sich aus der Weitschießtechnik ableiten.
Leider ging die für das Weitschießen entwickelte Technik verloren, heutige (fortgeschrittene) Kyudo-Schützen erreichen mit einem Bogen von ca. 20kg Zuggewicht und ca. 25 Gramm Pfeilgewicht eine Schussweite von ca. 300m.

— Was sind die fünf Schießarten?

Makiwara mae: Auf das Makiwara schießen. Selbst Fortgeschrittene sollen viel Zeit vor dem Makiwara verbringen. Der Sinn ist die Vervollkommnung der eigenen Schießtechnik, die vor dem Mato, auf das Zielen konzentrierend, nicht möglich ist.

Mato mae: Die Übung auf der Standarddistanz von 28m.

Teki mae: Das Schießen auf dem Schlachtfeld. Nur weit fortgeschrittene üben diese Disziplin. Es werden Pfeile mit Kriegsspitzen und ein Schießhandschuh mit weicher Daumeneinlage verwendet.

Kazuya mae: Viel und schnell schießen (ca. 10 Pfeile pro Minute) auf den noch weit entfernten Feind. Diese Disziplin wird häufig als Einleitung zum Teki mae geübt.

Toshi ya mae: Weitschießen. Die spezielle Technik hierfür ist inzwischen leider verloren gegangen.

Aus Kazuya mae und Toshi ya mae ist die Schießtechnik für den Sanjusangendo-Wettbewerb (dô mae) entstanden.
In Europa wird (außer Makiwara mae) nur Mato mae und seltener Enteki mae (60m Distanz, Schießtechnik eine Abwandlung von Kazuya mae) geübt.

— Ab welchem Alter kann oder soll man Kyudo beginnen? Gibt es ein Höchstalter?

In Japan fangen Schüler in der Regel im Alter von 14 oder 15 Jahren mit Kyudo an. Hier in Europa meist viel später, viele erst mit 50. Vor einem Alter von 14-16 mit Kyudo zu beginnen ist nicht sehr ratsam, da Kyudo eine gewisse geistige Reife voraussetzt.
Das Höchstalter ist dasjenige, wo man körperlich noch imstande ist den Bogen zu ziehen. Es gibt nicht wenige, die über 80 noch bei Wettbewerben sehr gut abschneiden. Für die meisten über 65-jährigen ist es jedoch nicht ratsam mit Kyudo zu beginnen.

— Ich bin physisch eher schwach - kann ich trotzdem Kyudo machen?


Selbstverständlich. Man kann schon mit einem sehr leichten Bogen (ca. 8kg) mit dazu passenden leichten Pfeilen das Ziel treffen. Bei regelmäßigem Üben bilden sich die notwendigen Muskeln schnell aus.



— Kann ein Linkshänder Kyudo betreiben?


 

Es ist kein Nachteil, den Bogen mit der "stärkeren" Hand zu führen. Die Arbeit der rechten Hand, nämlich das wesentliche Drehen und Drücken im Abschuss wird nach der Gewöhnungsphase sogar erleichtert.
Würden aber die Linkshänder den Bogen mit der rechten Hand halten, würde dies wegen der Länge des japanischen Bogens zu Komplikationen im Schießbetrieb führen. Des weiteren ist die Zuwendung mit dem Rücken zu den Prüfern bzw. Schiedsrichter, die an der "Kamiza" (rechte Seite des Dojos) bei Prüfungen/Wettkämpfen Platz nehmen, undenkbar.

— Bei den meisten ist das rechte Auge dominant. Was tun, wenn nun das linke Auge dominant ist?

Über diese Frage sollen Kyudo-Interessierte bzw. Anfänger nicht allzu viel Gedanken verschwenden. Die meisten Leute wissen es gar nicht, dass überhaupt ein Auge dominiert. 

Soviel sei gesagt: Zielarbeit muss vom rechten, dominanten Auge geleistet werden, denn es befindet sich über den Pfeil. Da der Bogenholz das Ziel vor diesem Auge verdeckt, wird der Bogen durch die Hilfe des nichtdominanten, linken Auge "durchsichtig", d.h. das Ziel bleibt sichtbar. Ist das linke Auge dominant, so sieht der Schütze das Ziel weit links zum Bogenholz, und somit wird präzises Zielen unmöglich. Jedoch kann dieser Effekt in ca. 1 Jahr (hängt von der Stärke der Dominanz ab) umgelernt werden.




— Wie oft muss ich üben, dass ich gut werde?


Wir üben (leider) nur zweimal in der Woche gemeinsam, das reicht nicht aus, um schnelle Fortschritte machen zu können. Wenn man "gut" mit einer Trefferrate von etwa 60% definiert, kann ein begabter Schütze bei wöchentlich 3 mal üben in 3-4 Jahren "gut" werden.

— Ist jeder fürs Kyudo geeignet?


Manche legen einen schnelleren Fortschritt zutage als andere. Aber unsere Erfahrung zeigt, dass nur die Hartnäckigen und die Geduldigen langfristig vorankommen.
Wer einfach nur "spirituelle Erfahrungen" sammeln will ist bei Cha-do (Weg des Tees) oder Ikebana (Blumenbinden) besser aufgehoben.

—Ist Kyudo gleich "Zen-Bogenschiessen"? Was hat's mit der Verbindung zwischen Kyudo und Zen?

Einer der Gründe, warum es überhaupt mehrere Schulrichtungen im Kyudo gibt, sind die teils diametral entgegengesetzten Ansichten, die über dieses Thema verbreitet werden. Vergleiche Folgende Aussagen:
"Kyudo ist stehendes Zen" (Shibata Kanjuro) und
"Zen und Kyudo sind verschiedene Wege" (Inagaki Genshiro).
Faktum ist, dass es bis zur Erscheinung des Buches "Zen in der Kunst des Bogenschiessens" von Eugen Herrigel 1948 niemand auf die Idee kam, Kyudo mit Zen zu assoziieren.
Herrigel kam 1924 nach Japan als Universitätsdozent, mit dem geheimen Wunsch Zen kennen zu lernen. Weil ihm als Ausländer der Zugang zum Zen-Unterricht verweigert worden war, hat er auf einen freundlichen Ratschlag hin beim Exzentriker Awa Kenzô mit Kyudo begonnen. Nachdem er 1929 nach Deutschland zurückgekehrt ist, hat er mit Kyudo aufgehört, jedoch sein Buch, das in der endgültigen Fassung 1948 zum ersten mal erschienen ist, beeinflusste eine sehr große Leserschicht.
In Europa fangen die Hälfte der Schützen nach der Lektüre dieses Buches mit Kyudo an. Dies ändert wenig an der Tatsache, dass die Verbindung von Kyudo und Zen eine moderne Strömung darstellt. Es ist bezeichnend, dass jene Leute, die Zen suchen und bei uns eingestiegen sind inzwischen vollständig aufgehört haben.

— Ist es mir hilfreich, wenn ich vorher andere Sportarten praktiziert habe?


Auf jeden Fall. Vor allem Sportarten mit viel Bewegung sind hilfreich, um die Schnelligkeit, die beim Auslösen notwendig ist, zu entwickeln. Statischer Sport, wie Gewichtsheben, Body-Building u. ä. ist dagegen nicht förderlich.

— Ist es mir hilfreich, wenn ich viel meditiere?


Es kann kein direkter Zusammenhang zwischen Meditation und Bogenschießen nachgewiesen werden. Jene Schützen, die besonders viel meditieren, zeigen keine überlegene Leistung.

— Wieviele Leute praktizieren Kyudo in Österreich und weltweit?

In Wien gibt es ca. 70-80 aktive Schützen, in Linz etwa 5, in der Steiermark und in Kärnten etwa weitere 4. Weltweit sind es mehrere hunderttausend, die meisten davon in Japan.

— Ich wohne weit weg von Wien - ich kann nur selten zum Training kommen. Ist es möglich, sich alleine Kyudo anzueignen?

Alleine kann man Kyudo nicht erlernen, selbst wenn man die besten Lehrbücher zur Seite hat. Es ist notwendig, sich mindestens alle 2 Monate von einem Besseren überprüfen zu lassen. Für die Interessierten aus den Bundesländern können wir den Stahlstadt Dojo Linz, den Dojo von Michael Mayrhofer in Weißkirchen (Stmk.) und den Katsujinkan-Kyudojo in Szombathely, Ungarn (20min von Lockenhaus) empfehlen.

— Ist es möglich zum Verein zurückzukehren, wenn ich eine längere Pause eingelegt habe?

Natürlich. Jedem bleibt es selbst überlassen, wie oft er zum Training kommt, eine "Anwesenheitspflicht" gibt es nicht.

— Was für andere Stilrichtungen werden heute noch praktiziert?

Der Grund, warum es überhaupt verschiedene Schulen und Gruppierungen im Kyudo gibt, ist einerseits die Aufgliederung Japans in kleine, einander verfeindete Provinzen im Mittelalter, wo viele, unabhängige Schulen (damals Ausbildungsstätten für Soldaten) existieren konnten. Die andere Ursache ist, dass seit dem der Bogen als militärische Waffe aus dem Dienst geschieden ist, viele Leute das Treffen nicht als primäres Ziel anerkennen (das Mato schießt ja nicht zurück), und seither verschiedene geistige Einstellungen aufgeblüht sind.
Die unterschiedlichen Auffassungen über den geistigen Hintergrund betreffen die Dominanz von Zen, die Wichtigkeit des Treffens, und den Rang von Zeremonien bzw. zeremoniellem Schießen.
Die schießtechnischen Unterschiede liegen in erster Linie in der Rolle und Arbeitsweise der linken (Bogen-) Hand, und die daraus resultierende Differenz beim Auszug des Bogens.

Im folgenden werden jene Richtungen aufgezählt, die in Europa praktiziert werden, oder Einfluss in Europa haben:

Heki Tô Ryû dominiert Deutschland, Italien, Finnland und Ungarn, und ist vertreten (neben Österreich) in Frankreich, Norwegen, Polen und in Holland.

Die zahlenmäßig größte Stilrichtung in Japan nennt sich "Shomen" (wörtlich "vor dem Gesicht"), der Name kommt vom zentralen Heben des Bogens vor der Öffnung. Die Schießtechnik ist eine Kreuzung von mehreren Schulen (zum größten Teil der Ogasawara-Ryû), die Anfang des 20. Jhd. von Honda Toshizane, einem ehemaligen Chikurin-ha Lehrer entwickelt wurde. Die meisten hochgraduierten Lehrer des ANKF schießen in dieser Form. Es wird Wert darauf gelegt, dass es sich um ein friedliches Kyudo handelt (also keine Kampfkunst im alten Sinn), dementsprechend lautet das Motto: "Shin Zen Bi" (Wahrheit, Güte und Schönheit) im Gegensatz zum Heki-Motto "Kan Chû Kyû" (Durchschlagend Immer Treffen).

Die Ogasawara-Schule ist auf das berittene, zeremonielle Schießen spezialisiert. Vorwiegend in Tokyo beheimatet, nur einzelne Schützen üben Yabusame in Groß-Britannien und Deutschland.  Die Takeda-Schule, die ebenfalls der Tradition des berittene Bogenschießens ("Kyûbadô") verpflichtet ist, ist in Europa nicht vertreten. Diese Schule unterrichtet genau die Schießweise, die von der japanischen Kavallerie des Mittelalters verwendet wurde. Beide Schulen demonstrieren hin und wieder ihr Können auch bei ausländischen Festivals.

Die einzige Heki-Schule, die ihre Ursprünge nicht zu den Yoshidas zurückführt, ist die Chikurin-ha. Ihre Schießweise unterscheidet sich so stark von den anderen Heki-Schulen, dass sie eigentlich außer der Bezeichnung so gut wie nichts gemeinsam haben. In Japan ist diese Richtung in und um Nagoya verbreitet, in Amerika und Europa wurde er vom Bogenbauer Kanjuro Shibata weitergegeben. Eine Verknüpfung zwischen der Chikurin-ha in Japan und den Dojos der Shibata-Familie ist nicht gegeben.

— Was für andere Vereine gibt es in Wien, und in Österreich?

In Linz ist eine kleine Gruppe um den erfahrensten österreichischen Schützen, Peter Hammerschick, aktiv. Peter ist ein Verfechter der Heki Ryû Insai ha, niemand macht einen Fehler, wenn er/sie sich von ihm unterweisen lässt. Er war sogar als Lehrgangsleiter bei uns zu Gast, und wir freuen uns darauf, wenn wir ihn wieder einmal begrüßen dürfen.

Im Süden, nämlich in Weißkirchen (unweit von Zeltweg) hat sich Michael Mayrhofer, seines Zeichens Vorstandsmitglied beim Österreichischen Kyudo Verband, einen tollen kleinen Dojo aufgebaut. Wir Wiener fahren jedes Jahr für ein Wochenende hin, aber Michael sieht auch gerne interessierte Anfänger.

Volkmar Scherr aus Villach übt auch alleine, also Kärntner bitte nicht zögern, ihn zu kontaktieren.

In Szombathely, Ungarn, haben die Brüder Mézes den Katsujinkan-Kyudojo aufgebaut. Hier wird ebenfalls Heki Ryû Insai ha praktiziert. Eine Gruppe von ca. 8 Leuten übt dort regelmäßig.
Nebenbei stellen die Brüder Mézes ausgezeichnete Bögen her, die japanische Yumis der selben Preisklasse weit übertreffen!

In Wien üben neben uns in der Dominik-Hoffmann-Halle zwei weitere Vereine. Der eine, Seishin, hat sich dem Shomen-Stil verschrieben. Es wird in den Übungen sehr großer Wert auf Taihai, dh. zeremonielles Schießen in einer bis zum kleinsten Detail festgelegte Choreographie, gelegt. Der Verein hat etwa 25 aktive Mitglieder.

Der andere Verein heißt Gako (=Bergtiger), eine von Kanjuro Shibata ins Leben gerufene Gruppe. Sie sind weder beim österreichischen noch beim all-japanischen Kyudo Verband Mitglied, daher sehen wir sie bei Wettkämpfen nicht. Sie bezeichnen ihre Richtung als Chikurin-ha. Vor der Übung wird eine Stunde meditiert, in der Übung wird nur zeremoniell (in einer von Shibata entwickelten Form) geschossen. Diese Gruppe hat auch etwa 25-30 aktive Mitglieder. Sie postulieren die Einheit von Kyudo und Zen, und fassen die Bedeutung des (der Weg) im Kyudo im Sinne des Taoismus auf.

Im 2. Bezirk in Wien übt noch eine Ablegergruppe von Gako, der Muko Kyudojo, die 4-5 Leute zählt. Sie sind auch kein Mitglied des Österreichischen Kyudoverbandes, und berufen sich ebenfalls auf die Shibata-Familie.

— Wie wichtig sind die Unterschiede zwischen den einzelnen Kyudo-Schulen? Können diese Leute gemeinsam schießen?


Die Gegenfrage ist, was einem selbst wirklich wichtig ist.
Jedenfalls ist der eine Stil sehr logisch, der andere etwas weniger... Allerdings ist ein guter Lehrer wichtiger als der Stil den man lernt. Notfalls kann man den anderen Stil in wenigen Monaten erlernen, aber am Anfang schlecht oder gar nicht korrigierte Fehler kann man nur in Jahren loswerden.
Dass Leute von verschiedenen Schulen gemeinsam schießen können, bedarf einen Grundkonsens über die Art der Übung: Wenn die einen nur zeremoniell, die anderen nur frei schießen wollen, dann wird es nicht klappen.

—Woher soll ich wissen, welche Stilrichtung am besten zu mir passt? Ist ein Wechsel später möglich?


Die meisten Treffen die Entscheidung schon dann, wenn sie die Webseiten vergleichen. Wenn man immer noch unschlüssig ist, ist es auch möglich alle Vereine in Wien erst mal aufzusuchen und anzusehen bevor eine Entscheidung getroffen wird. Der interessierte Laie kann zwar die Unterschiede in der Schießtechnik nicht sehen, sehr wohl aber die Unterschiede in den Mentalitäten. Der Eindruck, den man beim ersten mal gewinnt, ändert sich später nicht.
Sollte man sich doch getäuscht haben, ist ein Wechsel ohne viel Aufwand möglich. Es ist in Wien jedoch noch nicht vorgekommen, den Freundeskreis, den man durch die gemeinsame Übung gewinnt, gibt man ja nur ungern auf.

— Welche Kyudo-Verbände gibt es weltweit, und wie sind sie organisiert?

Der größte Verband ist der ANKF (auch ZNKR - Zen Nihon Kyudo Renmei genannt).
Unter ihm stehen der Amerikanische und der Europäische Kyudo Verband.
Der österreichische Verband ist in den europäischen eingegliedert.

Außerdem sind wir Mitglied beim ASKÖ und dem Österreichischen Bogensportverband.

— Was bedeutet "Momiji"?

Unser Name stammt vom Ausdruck "Momiji Gasane" (= im herbst rot werdendes Ahornblatt), ein bildlicher Ausdruck für das richtige Anlegen und die Arbeitsweise der Bogenhand. Unser "Taufpate" ist Toshio Mori Sensei von der Universität Tsukuba.

— Was ist ein "Dojo"?

Dojo heißt Übungsort.
Bei Kyudo eine überdachte Abschusshalle, mit einer auf die Ziele hin geöffneten Seite. Die Ziele (Matos) stecken 28 m entfernt von der Abschusslinie in einer überdachten Sandaufschüttung.

Der Kyudojo der Universität Tsukuba