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Erlebnisbericht Pöcking 2007
Geschrieben von Berni Mutzatko und Stefan Ohri   
Thursday, 4. October 2007

~ Die Geburt eines neuen Dojo ~

 12.08.2007 – Weites Feld, Deutschland

In gelben und grauen Schwaden streifen die Felder vorbei. Kurz schimmern braune Flecken Erde durch die Halme. Die Erschütterung belegt, dass die Straße sich entschlossen haben muss, woanders weiter zu verlaufen und uns hier zurückgelassen hat. Verzweiflung macht sich breit. Wir haben keine Karte. Werden wir jemals wieder nach hause zurückfinden? Der Wagen scheint von selbst in diesen Teil der weißen Flecken auf der Karte gefahren zu sein, die sich in unseren Erinnerungen finden lässt. Gehört dieser Teil der Welt noch zu Deutschland? Scheinbar ja.

„Jah, âlso, wenn Sie faaren hier um die Egge, un' dann nâchem Greisfakeer die erste links undann nâch Aukspurg, dann solllte nâch vielen Meddern eine Strâzße nach Stârnberch kommen, de fâh'n se mal weidda undann kommen se vielleigt mal in Pööcking ân.“
So oder so ähnlich hörte sich die sicherlich lieb gemeinte Information an, welche wir vier Tage später an einer extra für uns aufgebauten Tankstelle bekamen. Wir waren nun schon so oft im Kreis gefahren, dass uns erstens das Benzin ausgegangen war und des weiteren es sich in den umliegenden Ortschaften herumgesprochen hatte, dass da ein paar verrückte Össis auf der Suche nach einer Auskunft waren. Lieb gemeint war es zumindest bis zu dem Teil mit dem Kreisverkehr. Ähm, wo wäre der nochmal?
Nun ja, nach einer weiteren Woche waren wir nun endgültig verloren und ließen uns mit einem Polizeihubschrauber in Pöcking absetzen. Wie wir aus der Luft sehen konnten, war dies wohl auch die einzige Möglichkeit, dorthin zu kommen...

Tag 0 – Die Abenddämmerung

Nachdem wir also nun wohlbehalten am Pöckinger Sportplatz (oder eigentlich der Sportplatz für die gesamte Umgebung...) angekommen waren, war es bereits halb nach fünf. Oder war es fünf nach halb? Oder wie sprechen die Deutschen das nochmal aus??
Egal. Wir waren dort, als die Mitglieder des angesiedelten Vereins gerade Anstalten machten, schlafen zu gehen. Auf unser Drängen ließen sie sich allerdings überreden noch etwa eine halbe Stunde zu schießen, während wir ihr Treiben in vollen Zügen ignorierten und uns am Buffet gütlich taten. Es ist bis heute ungeklärt, woher sie die Kraft genommen haben, aber nach dem Ende ihres Trainings führten sie uns in ein kleines, etwa fünf Stunden entfernt gelegenes Dorf mit dem Namen Tutting, äh,... Zutting? Tzutzing? Zhu Zing? Ne, ähm,... ah! Tutzing! Nach einer schönen Irrfahrt rund um den Starnberger See kamen nun auch wir als Letzte im ausgemachten Lokal an und stärkten uns sofort mit einer Portion herrlichstem Wiener Sch... S... Steak. Nach einer kurzen, 3 stündigen Nachtwanderung konnten wir nun diesen herrlichen ersten Tag und die bis dahin beschwerliche Reise abschließen und anfangen uns einzuleben.

Tag 1 – Flug des Adlers

07:00. Erbarmungslos schreckt der Wecker seine Opfer aus dem warmen Bett. Keine Gnade kennt er. Keine "noch-5-Minuten". Nur das dritte Auge geöffnet tappen wir ins Bad und dann zum Frühstück. Frische Semmeln, Marmelade, Nutellaprobierpackungen, Müsli, Cornflakes, Milch, Wurst, Käse, Multivitamin- und Orangensaft. „Tee oder Kaffee?“ fragt die obligatorisch nette Stimme der Besitzerin nach den persönlichen Start-in-den-Tag-Preferenzen. Alles soweit gut.

09:00. In Reih' und Glied, zu siebt (oder acht, die hinteren nehmen es nicht so genau) steht man bis zu fünf oder sechs Reihen hintereinander im Dojo und verbeugt sich (größtenteils) vor dem Sensei. Mori Sensei, extra zur Eröffnung des noch namenlosen Dojo angereist, erteilt einen einleitenden Segen und vom Obmann des Vereins – Hans Pichelmayer - werden ein paar Sachverhalte dargestellt. Dann ist der Dojo frei zur Benutzung.
AbschussbereichGeschossen wird immer nur ein Pfeil, da in den sechs Reihen (die siebte ist für Mori Sensei reserviert, der sehr rüstig einen nach dem anderen ins Mato leitet) bis zu fünf Leute auf ihren Schuss warten. Als Anfänger, der solche Massen nicht gewohnt ist, hat man vorerst kleine Probleme mit dem Ablauf bis ins Dozokuri. Aber dann geht alles sehr schön. Die Konzentration ist wieder da. Niemand ist um einen herum. Man steht alleine mit dem Mato. Man sieht sich selbst, weiß ganz genau, dieser Schuss wird das Mato treffen. Uchi okoshi. Der Bogen ist so vertraut wie immer. Der sanfte Wind an diesem heißen Tag macht jede Anstrengung vergessen. Die Spannung beginnt. Die Worte Matsuo Senseis von vor einem halben Jahr kommen einem in den Sinn. Sanbun no ni. Die Spannung des Körpers steigt, bleibt aber angenehm. Nobi ai. Motto nejiru. Links dreht, rechts zieht. Die Kraft strömt durch den Körper. Immer mehr. Wie ein Baum steht man da und spannt. Dann ist er da. Der Moment. Hanare. Mit einem leisen Schnalzen löst sich die Sehne vom Handschuh und drückt den Pfeil nach vor. Die linke Hand dreht den Bogen und erhöht den Druck. Die Brust drückt sich durch. Rechts fliegt zurück. Zanshin. Der Pfeil fliegt nun ohne Stabilisierung alleine auf den nächsten 20 Metern. Man kann seine Bahn verfolgen. Die Spannung steigt immer noch. Man kann das leichte Ausschlagen des Pfeiles erkennen. Dann steckt er im Sand. Nur knapp hat er den Mittelpunkt verfehlt und steckt nun im Übergang des Hoshi-Matos zwischen schwarz und weiß. Etwas zu weit links, etwas zu weit unten. Das war der erste Schuss. Er war gut. Nicht wegen des Treffers. Das Gefühl war richtig.
Leider geht der Tag nicht unbedingt in dieser Tonart weiter. Die Trefferquote pendelt sich auf einem guten Durchschnitt ein. Aber das Gefühl an diesem ersten Tag bleibt. Als Mori Sensei mir meine erste Korrektur gibt und außerdem einen Brustschutz borgt, wird es sogar noch besser.

HaupteingangDas Dojo selbst (um endlich mal auf den Zweck der Reise zu kommen) ist wunderschön. Auf dem hinteren Bereich einer großen Sportanlage aufgebaut (sogar mit eigenem Flutlicht versehen) schlängelt sich ein Pfad aus flachen Steinen um ein mit großer Sorgfalt aufgebautes Haus, welches in zartem Blau bestrichen ist. Das Haus selbst ist flach gehalten (außer einem hohen Giebel in der Mitte) und wirkt von außen sehr authentisch (sofern man dies über den etwas moderneren Stil sagen kann und es einen überhaupt interessiert. Mich persönlich hat es interessiert, da mir die Umgebung wichtig ist um das Gefühl für das zu bekommen, was ich tue. In diesem Fall japanisches Bogenschießen).

DojoDer Haupteingang ist durch zwei Schiebetüren und ein Schuhregal gekennzeichnet. Von hier bis rund ums linke Eck zum Seiteneingang spannt sich eine Veranda, welche sogleich in einen Weg übergeht, welcher zur Azuchi führt. Durch die Schiebetüren gelangt der Schütze in einen Vorraum, in dessen linker Ecke ein Ständer für Köcher seinen Platz gefunden hat. Außerdem wird man von zwei weiteren Schiebetüren begrüßt, die den Weg zum eigentlichen Dojo verschließen. Links geht es zu einem kleinen Lagerraum, rechts ist ein Umkleideraum. Im Linken steht sogar ein Kühlschrank.

BogenständerDurch die zweiten Schiebetüren gelangt man endlich in den Dojo und wird sofort von der unerträglichen Leichtigkeit geblendet, welche das helle Holz zu vermitteln vermag. Das flutende Sonnenlicht tut sein übriges. Frisches grünes Gras erstreckt sich bis zum sandbedeckten Boden der Azuchi. Ein Anblick, der wohl mindestens so fesselnd ist wie der einer Kobra. Links und rechts vom Eingang stehen zwei professionell aussehende Pfeilständer, welche durch die Kombination von KöcherFunktionalität und hell-dunkel-Effekten eine Spannung im Betrachter auszulösen vermag, die bei konventionell gefertigten Stücken wohl seines Gleichen sucht. Weiter rechts erstreckt sich, gepolstert mit Tatami ein Bereich der zu Ruhe und Vorbereitung verwendet werden kann. Außerdem die Kamisa, jetzt noch sehr karg, aber eine Ruhe ausstrahlend für jeden, der dies in einer Sportart wie Kyudo sucht.
Auf der linken Seite befindet sich der Seiteneingang und davor ein fix angeschraubter Bogenständer mit Platz für mindestens 30 Bögen, allerdings breit genug um im Notfall (der noch kommen sollte), etwa doppelt so viele unterzubringen.
Vor der Azuchi, welche bis zu sieben Matos aufnehmen kann, hängt vorerst noch ein graues Tuch, welches aber bald ersetzt werden wird.
Alles in allem eine sehr schöne Anlage mit viel Raum und Möglichkeit seinen Geist soweit zu befreien, dass nichts die Konzentration des einzelnen Schusses stört.

Azuchi

Nun ist bekanntlich das Gras auf der anderen Seite des Zaunes immer grüner (oder blauer in Kentucky), das Auto des Nachbarn immer schöner und cooler und die Portionen am Nebentisch sind immer größer als die eigenen. Das mag auch der Grund sein, warum in der deutschen Provinz, näher gesagt in Bayern und dort im Örtchen Pöcking, welches etwa 9246,95 km von Nagano entfernt liegt, Kyudo so geschätzt ist wie im Letzteren das Schi fahren. Und beide haben sie eigene Gebäude hingestellt, um die ursprünglich vom jeweiligen Gegenüber ausgeübte Sportart in voller Authentizität auszuleben. (Komisches Volk, diese Menschen...)

Das mag auch der Grund sein, warum unter den etwa 30 bis 40 anwesenden Schützen exakt 4 Japaner waren. Ein Sensei (Toshio Mori) und drei seiner Assistenten. Alle anderen Anwesenden waren entweder Anrainer, Zugelaufene oder übermotivierte Importierte (aus Österreich).
Man kann aber auch einfach sagen, dass es den erwähnten Personen Spaß macht und Befriedigung gibt. (Nur kann man mit solch kurzen Sätzen kaum einen professionell aufgeblasenen Bericht schreiben.)
Aber so gehässig diese Bemerkungen auch klingen mögen, muss ich bescheiden einräumen, dass das was uns in den letzten paar Tagen an Können, Technik und Begeisterung durch einen Haufen von so unterschiedlichen Menschen gezeigt wurde eine ganz neue Dimension in der Betrachtung des Kyudo erschließt als das, was es eigentlich ist: ein kriegerischer Akt.
Ohne Zweifel ist Kyudo in der heutigen Form etwa so sehr mit Krieg verwandt wie John Lennon und Britney Spears (beide entstammen derselben Kategorie (Schädel einschlagen und Musik), jedoch hat nur jeweils Ersteres seine Wurzeln zur Blüte gebracht (wenn man das so sagen kann)).
Oder anders ausgedrückt: trotz diverser „Unfälle“ mit Katanas nach dem Ausstrahlen von „Kill Bill“ sind sowohl Kendo als auch Kyudo völlig frei von jeglicher unsinniger Gewalt (sofern Gewalt jemals Sinn haben kann) und das eine mehr, das andere weniger auf Harmonie und Zufriedenheit geprägt.

Was ich eigentlich damit zum Ausdruck bringen möchte: Kyudo ist toll. Vor allem, wenn man einen Haufen technisch besserer Schützen in einer Reihe, bekleidet mit Hakama einen Pfeil nach dem anderen schießen (und treffen) sieht. Und falls das immer noch nicht klar genug war: es war schön. Ab jetzt halte ich mich an Fakten.

Schießbetrieb

MittagessenTag 2 – Der Sturm der Schildkröte

Diesen Tag widmeten wir all unsere Anstrengungen dem Fahrrad fahren. Die 5,7 km bis Tutzing nur um dort mit Brot und Kartoffel- ( Pardon: Erdäpfel-) salat auf einer Bank am See herum zu panschen mögen vielleicht nicht sehr das Interesse des Lesers erwecken. Deshalb:

Tag 3 – Die Geburt des Phönix

Heute ist ein guter Tag. Ein schöner Tag. Ein Tag, an dem man am liebsten im warmen Bett bleibt aber trotz aller Gegenwehr von Mutter/Freundin/Frau gewaltsam aus selbigem entfernt wird. Das funktioniert leider immer und sei die angewendete Gewalt nur ein: „Dann gibt’s halt kein Frühstück“.
Dojo-Einweihung durch Mori SenseiWie auch immer. Strahlender Sonnenschein, warme Temperaturen und abwesende Winde zeichnen diesen Tag als besser-als-Florida oder schöner-als-Kalifornien aus. Und tatsächlich. Während der gesamten, viele Monate vorher geplanten Einweihungszeremonie wollte sich kein Tropfen kühlen Nasses im Umkreis blicken lassen. Diese Situation mögen die dutzenden Schaulustigen, die sich links und rechts des Dojo versammelt hatten um unter der prallen Sonne dem von Mori Sensei durchgeführten Ritual zuzusehen unterschiedlich beurteilen. Mir war heiß. Aber Mori Sensei führte seine Bewegungen trotz allem in professioneller Ruhe und mit einer Würde durch, als würde er den Privatdojo des Tenno persönlich einweihen. Eine tiefere Beschreibung der Vorgänge, die sich vor uns abspielten getraue ich mir in meiner Unerfahrenheit nicht abzugeben, man schaue sich dazu einfach die von mir aufgenommenen Videos an. die drei Ältesten

Zuerst schoß Mori Sensei vier Pfeile in die vier Himmelsrichtungen. Dieses Ritual wird durchgeführt um die bösen Geister zu vertreiben. Danach schoss er noch zwei Pfeile im Taihai (zeremonielle Schießform) zur Einweihung.
Danach kamen die drei Ältesten des Dojo an die Reihe um 7, 5 und 3 Pfeile zu schießen, ein Ritual für Glück (3, 5 und 7 sind in Japan besondere Zahlen, so wird jedes Jahr für Kinder im Alter von 3, 5 oder 7 das Puppenfest gefeiert, oder Verstorbene an ihrem 3., 5. und 7. Todestag am Friedhof besucht).
Abschließend schoss noch jeder Gast zwei Pfeile im Taihai. Es wurde in 3er-Tachis (Gruppen) geschossen. Da es recht viele Gäste gab, wuchs sich dieser Teil zum längsten an diesem Tag aus.

Tag 4 – Genesung des kranken Reihers

Der heutige Tag war ganz dem freien Schießen und der Korrektur durch Mori Sensei gewidmet. Auf den letzten vier Matos durfte frei geschossen werden, und auf den ersten drei zeigten die Korrekturbedürftigen ihr Können. Bis alle durch waren, dauerte es natürlich mehrere Stunden und so kam Mori Sensei kaum zum Schießen an diesem Tag.

freies Schießen

Copyright Fotos: Stefan Ohri

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Letzte Aktualisierung ( Wednesday, 10. October 2007 )
 
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